Die Jagdhausgesellschaft
Während die nicht bettlägerigen Soldaten in kleinen Gruppen aus dem Lazarett in die Artilleriekaserne gelotst wurden, tauchte um die Mittagszeit im Ursulinenkloster ein Mann in einem grünen Jägerrock auf. Ich hatte ihn schon ein paarmal gesehen, auch am Tag zuvor. Er mußte sich im Kloster gut auskennen und begrüßte viele Nonnen mit Handschlag. Er war Mitte vierzig, klein, hager und hatte ein Gesicht, das man sich nur schwer merken konnte.
Als ich die Krankenstube mit meinem verschnürten Paket verließ, um mich auf den Marsch zu machen - der Bahnverkehr in Richtung Bad Nauheim-Frankfurt war schon seit Tagen unterbrochen -, stand er auf dem Flur und sprach mich an. Wohin ich wolle, ob es schlimm sei mit meiner Krankheit, und ob ich denn glaube, unbehelligt nach Bad Nauheim zu kommen.
Ich war ungeduldig, denn ich wollte mich auf alle Fälle bis zum Dunkelwerden noch einige Kilometer von Fritzlar absetzen. Die Kaserne und der Bahnhof, von dem immer noch Transporte an die Front abgingen, waren mir zu nahe, um mich hier sicher zu fühlen. Ich wollte die Gelegenheit, im Hinterland unterzutauchen, schnell nützen. Während er noch sprach, wollte ich schon weitergehen.
»Wenn du einen Rat von mir haben willst«, meinte der Jäger und legte mir vertraulich die Hand auf die Schulter, »nimm keinesfalls den direkten Weg über Alsfeld. Auf dieser Straße fällst du bestimmt den Heldenklaus in die Finger. Die schaffen alles an die Front.«
Jetzt wurde ich hellhörig, und drehte mich wieder zu ihm um. Er mußte aus der Gegend sein. Seine Ratschläge könnten mir mehr helfen, überlegte ich, als ein eiliger Aufbruch, denn ich hatte weder Ortskenntnisse noch eine Landkarte bei mir. »Können Sie mir sagen, welchen Weg ich nehmen muß, um an den Kontrollen vorbeizukommen?«
»Du kannst du zu mir sagen, Kamerad. In dieser Zeit sind wir doch alle Kameraden.«
Das war eine merkwürdige Anbiederung. Ich empfand sie in dem Augenblick als unangebracht. Der Jäger legte die Hand an die Stirn, schien zu überlegen, und dann empfahl er mir, den Umweg über Bad Wildungen und ein paar Nebenstraßen zu machen, die er mir genau benannte. »So kommst du am besten durch.«
Ich war überrascht über so viel Hilfsbereitschaft in der Aufregung der Lazarettauflösung und bedankte mich für die Ratschläge. Doch er winkte ab: »Ist doch selbstverständlich, Kamerad.« Dann sagte er noch: »Ich habe zufällig den gleichen Weg. Wenn du willst, nehme ich dich ein Stück mit.«
»Gern«, gab ich zur Antwort, »aber wie wollen Sie mich mitnehmen?«
»Mit dem Pferdewagen. Ich habe draußen einen Pferdewagen stehn.« Und schon griff er nach meinem Pappkarton und lief dem Ausgang zu. Dort stand noch ein anderer Soldat, der offensichtlich auf uns gewartet hatte. »Der kommt auch mit«, sagte der Jäger.
Vor der Tür stand der kleine Wagen. Wir hatten alle drei bequem auf dem Kutschbock Platz. Der Jäger nahm die Zügel in die Hände, und das Pferd zog an.
Bereits auf dem Fritzlarer Marktplatz gerieten wir in die erste Kontrolle. Mißtrauisch schaute der Streifenführer die Papiere von vorn und hinten an, musterte uns beide mit zusammengekniffenen Augen und fragte: »Wie krank seid ihr eigentlich?«
Da schaltete sich der Jäger ein: »Die beiden sind nicht gehfähig«, log er, »ich bringe sie nach Bad Wildungen, weil es im Lazarett keine Fahrzeuge mehr gibt.«
Der Feldwebel schien mit der Antwort zufrieden, unsere Papiere waren ja in Ordnung. Bis wir die Stadt verlassen konnten, wurden wir noch zweimal kontrolliert. Doch es ging alles gut.
»Wir nehmen nicht die Landstraße«, sagte der Jäger, »die ist zu gefährlich. Da kommen wir nicht weit. Es ist besser, wenn wir durchs Elbebachtal fahren. Das ist zwar ein kleiner Umweg, aber dort haben wir garantiert unsere Ruhe.«
Seltsam, welche Umstände sich der Unbekannte unsretwegen machte. Ich begann, ihm zu mißtrauen. Der ganze Aufwand diente bestimmt einem anderen Zweck als ausschließlich unserer Sicherheit. Aber welchem?
Nach einer Weile sagte der Jäger: »Übrigens, ich heiße Justus Mohl. Ich bin Jagdaufseher und wohne in Heimarshausen. Das ist zwölf Kilometer von Fritzlar entfernt. Ich bin hier großgeworden und kenne mich in der ganzen Gegend wie in meiner Westentasche aus.« Er hielt in seiner Rede inne, schaute zu uns herüber und dachte wohl, wir würden das Gespräch aufgreifen. Doch ich hatte keine Lust, ihm zu antworten. Dem andern Soldaten ging es offenbar genauso. Da verlor auch der Jagdaufseher die Lust am Weiterreden. Und nun konnte man sogar die Vögel zwitschern hören.
Wohlig lehnte ich mich, so gut es ging, auf dem Kutschbock zurück, und für Augenblicke rückte der Krieg in weite Ferne. Mich störte auch nicht der anhaltende Geschützdonner, der sich wie das Grollen einer breiten Gewitterfront anhörte.
Im Weiterfahren erzählte mir der andere Soldat, daß auch er wegen einer Infektionskrankheit im Lazarett gelegen habe und am gleichen Tag entlassen worden sei. Außerdem habe er einen starken Herzfehler. Er sei in Neheim-Hüsten zu Hause, wo sein Vater eine Möbelfabrik besitze.
Wir mochten eine Stunde unterwegs gewesen sein, als wir in das kleine Städtchen Züschen kamen. Der Jagdaufseher bemerkte beiläufig, es sei schon drei Uhr vorbei, weit kämen wir heute nicht mehr. Er wisse ein gutes Quartier zur Übernachtung. Im Wald von Heimarshausen stehe ein Jagdhaus, das von einigen Frauen bewohnt werde, deren Männer im Krieg seien. Dort gebe es bestimmt Platz für uns und auch etwas zu essen. Er sei dort der Jagdaufseher.
Obwohl das Angebot verlockend war, konnten wir uns nicht entscheiden. Auf gar keinen Fall wollten wir von einer Patrouille der Feldgendarmerie entdeckt werden, während wir abseits unserer Marschroute übernachteten. Das würde gleichbedeutend sein mit dem sofortigen Transport an die Front.
»Ihr müßt es wissen«, sagte der Jagdaufseher, nahm die Zügel kürzer und trieb das Pferd an.
Zehn Minuten später hielt er an einer Straßenkreuzung. Ein Wegweiser zeigte an, daß die linke Straße nach Bad Wildungen führte, wo wir eigentlich nach unserem Marschbefehl entlang müßten. »Wie ist es?« fragte er, »kommt ihr nun mit oder nicht? Der Weg zum Jagdhaus führt nach rechts.«
»Wie weit ist es noch?« wollte ich wissen.
»Na, so vier Kilometer.«
Es blieb uns im Grunde gar keine andere Wahl als auf das Angebot einzugehen.
»Ich komme mit«, sagte ich. »Ich auch«, sagte der andere.
Nach gut zwanzig Minuten bogen wir von der Landstraße in einen holprigen Feldweg ein und fuhren eine langgestreckte Steigung zum Waldrand hoch. Ich war gespannt, was uns erwarten würde. Längst war mir klar, daß der Jagdaufseher von Anfang an die Absicht gehabt hatte, uns in das Jagdhaus zu locken.
Das Haus stand nicht sehr tief im Wald, trotzdem war es erst zu erkennen, als wir es fast erreicht hatten, ein stattliches Jagdhaus, zweigeschossig, mit einem großen Garten. Ein hoher Maschendrahtzaun, der nur an der Vorderseite durch ein Einfahrtstor unterbrochen war, zog sich um das Gelände.
Drei Frauen standen am Tor und begrüßten uns sehr freundlich. Sie schienen uns erwartet zu haben.
»Hatten Sie eine angenehme Fahrt?« fragte die eine.
Und die andere: »Sind Sie sehr erschöpft?«
»Kommen Sie bitte herein«, sagte die dritte.
Die jüngste der drei Frauen war Anfang dreißig, schmal, mit einem spitzen Gesicht und dünnen Lippen. Ihr glattes dunkelblondes Haar war in der Mitte gescheitelt und hinten mit einem Knoten zusammengehalten.
Die zweite schätzte ich auf fünfzig. Sie war nicht schlank, aber auch nicht dick, hatte freundliche Augen, ein weiches Gesicht und einen Bubikopf mit schlohweißen Haaren. Die dritte schließlich mochte Ende fünfzig sein. Sie stand schon ein wenig steif und schwer auf ihren Beinen. Wie sich bald herausstellte, war der Jagdaufseher von den Frauen beauftragt worden, aus dem in Auflösung befindlichen Lazarett im Ursulinenkloster zwei Soldaten herbeizuholen, die ihnen als Leibwächter in den vorauszusehenden kritischen Wochen des Zusammenbruchs dienen sollten.
Und Justus Mohl hatte den für ihn nicht ungefährlichen Auftrag übernommen. Nicht ungefährlich darum, weil er uns ja das Desertieren und Untertauchen im Jagdhaus empfahl und dazu Beihilfe leistete. Wäre das Unternehmen schiefgelaufen, hätte es ihn Kopf und Kragen kosten können.
Die drei Frauen kannten sehr wohl das Risiko ihres Tuns und sorgten vor. Ihre ständige Redewendung war: »Damit haben wir nichts zu tun. Das ist Herrn Mohls Angelegenheit.«
Das Sagen im Hause hatte Frau S., die jüngste mit dem spitzen Gesicht und dem Haarknoten. Sie war die Schwiegertochter der ältesten der drei, der Frau B. Die dritte mit den freundlichen Augen und den weißen Haaren, Frau H, gehörte nicht zur Familie. Die Männer aller drei Frauen waren höhere Offiziere, einer hatte sogar einen Generalsrang.
Sehr bald kam das Gespräch auf unser Verbleiben. Ohne darauf einzugehen, wie wir überhaupt hergekommen waren, bot uns Frau S. an, wir könnten in dem Haus Quartier nehmen, so lange wir wollten, es gebe eine Schlafkammer für uns, und auch zu essen sei genug da.
Als die Frauen in die Küche gegangen waren, um das Abendessen zu bereiten, schilderte uns Justus Mohl die Situation der Jagdhausbewohnerinnen und fragte: »Wollt ihr nun hierbleiben, oder wollt ihr weiter? Es liegt an euch. Niemand hält euch. Aber eines kann ich euch im voraus sagen: wenn ihr geht, werdet ihr in kürzester Zeit in amerikanischer Gefangenschaft landen. Also, wie ist's?«
Ich hatte nicht lange zu überlegen, ich wollte nicht in Gefangenschaft kommen, obwohl ich wußte, daß es ein Spiel um Leben und Tod werden konnte. Erwischte mich eine Wehrmachtspatrouille hier im Jagdhaus, würde sie mit mir kurzen Prozeß machen. Und es sprach nichts dafür, daß sie dieses im Wald versteckte Haus übersehen sollte. Fiel ich nicht den Deutschen, aber später amerikanischen Fronttruppen in die Hände, könnte es mir genauso übel ergehen.
Und doch stimmte an dieser Überlegung etwas nicht. Die Vernunft hätte mir sagen müssen, daß ich vor den Amerikanern keine Angst zu haben brauchte. Ihr Kommen bedeutete für mich Befreiung. Aber ich hatte ebenfalls große Angst vor dem Entlarvtwerden und benahm mich wie ein deutscher Deserteur. Es schien, als bedecke die verhaßte Uniform nicht nur meinen Körper, sondern auch meine Seele. Im Innern lebte die Hoffnung auf baldige Beendigung des Krieges und auf Befreiung aus der Qual unseres Lügendaseins, überlagert jedoch von der Angst eines deutschen Landsers. Mein Verhalten in diesen Wochen war sowohl Feigheit als auch die jüdische Anpassungsfähigkeit an jede Situation, auch noch an die schmachvollste, wenn es ums Überleben geht.
Die drei Frauen hatten schreckliche Angst vor der sie bald überrollenden Front, schwatzten aber immer noch vom Standhalten. Möglicherweise glaubten sie, das ihren Männern schuldig zu sein. Sie ahnten, was geschehen würde, wenn im Chaos zwischen dem Abzug der deutschen Truppen und dem Einmarsch der Alliierten die Hunderttausenden polnischen und russischen Zwangsarbeiter aus den Lagern aufbrechen würden. Aber sie selbst fühlten sich ohne Schuld und noch immer im Recht. Bis ich das richtig begriff, war ich, der Sohn von Moissee Rabisanowitsch und Olga Sudakowitsch, der wie kaum ein anderer den Tag herbeigesehnt hatte, da Amerikaner oder Russen, wer auch immer, dem Nazispuk ein Ende bereiten würde, zum Leibwächter dreier Frauen avanciert, die mich - und zwar jede von ihnen - bedenkenlos dem Henker ausgeliefert hätten, wenn ihnen mein Geheimnis bekannt geworden wäre.
Frau S., die das Kommando führte, hatte einen ausgeprägten Sinn fürs Praktische. In den nächsten acht Tagen, in denen sich nichts tat, was die Beschützer in Funktion rufen konnte, beschäftigte sie uns von früh bis spät, denn auch der andere Soldat hatte sich zum Hierbleiben entschlossen. Mit einem Fußmarsch am Morgen nach dem dreißig Minuten entfernten Heimarshausen begann es, wo wir frische Milch vom Bauern und Brot und Brötchen vom Bäcker holten. Wir sägten und hackten Holz, schleppten Möbel, brachten den Zaun in Ordnung, machten Gartenarbeiten, und immer gab es im Haus etwas zu reparieren.
Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Zwei Tage lang fluteten die geschlagenen deutschen Truppen durch das Tal und durch den Wald. Alle waren des Kämpfens müde, wußten, daß das Ende da war, und hatten keine Lust, noch in allerletzter Stunde den Heldentod zu sterben. In ihren Gesichtern stand die Hoffnungslosigkeit und die Angst, viele hinkten, andere trugen Verbände. Keiner hatte mehr eine Waffe bei sich. Unten auf der Landstraße zog sich eine nicht abreißende Kette von Fahrzeugen nach Norden, alle vollgestopft mit Uniformierten.
Als nur noch vereinzelt deutsche Soldaten vorbeikamen, drängte uns der Jagdaufseher: »Ihr müßt schnellstens eure Uniformen ausziehen, sonst nehmen euch die Amerikaner hoch.«
Das sahen wir ein. Ich fragte ihn: »Wo kriegen wir Zivilsachen her?«
»Kein Problem, ich habe schon welche beschafft. Kommt mit!«
Der Jagdaufseher ging voran auf den Flur. Dort lagen zwei alte Hosen und zwei zerschlissene Jacketts.
»Macht schnell«, drängte er, »damit niemand dazukommt, wenn ihr eure Sachen wechselt.«
Und so verwandelte ich mich wieder in einen Zivilisten, einen etwas schäbigen Zivilisten, denn die Hose war mir trotzdem noch zu lang, ich mußte sie umschlagen, das Jackett eine Nummer zu groß und das verschwitzte Ärmelfutter war zerrissen.
Am anderen Morgen, kaum daß es hell war, kam bereits Mohl, um mit uns die Wehrmachtssachen mitsamt den Papieren in einer Kiste im Wald zu vergraben. Er hatte es sehr eilig, denn er rechnete damit, daß die Amerikaner in wenigen Stunden da sein würden.
Ohne daß es die andern wußten, hatte ich meinen Fremdenpaß, den ich auch in der Kaserne und im Lazarett immer bei mir trug, auf die Seite getan und gut verwahrt. Ihn behielt ich.
Wir vergruben die Kiste an einem großen Baum, taten Laub und Äste auf die Grube und markierten im Umkreis einige Bäume. Als wir eine Stunde später zurückkamen, waren die drei Frauen eifrig dabei, ihr Geld und ihren Schmuck an vielen Stellen im Garten zwischen Zwiebeln und Karotten, Schnittlauch- und Selleriepflänzchen zu vergraben.